HDRI: Eine Hassliebe

Sa, Feb 13, 2010

Fotografie, HDRI

HDRI: Eine Hassliebe

Kaum eine fotografische Technik scheidet die Geister so sehr wie die HDR Fotografie. Es scheint, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: entweder man liebt sie, oder man hasst sie.
Ich selbst kann mich aber nicht so einfach auf eine der beiden Seiten schlagen, denn ich bin eigentlich schon seit Jahren großer Fan dieser Technik. Trotzdem kann ich nicht immer alles gutheißen, was den Stempel HDR trägt.

Mein Zugang zum Thema HDRI
2003 habe ich meine Diplomarbeit zum Thema „High Dynamic Range Imaging“ geschrieben. In dieser Arbeit geht es um den ursprünglichen Ansatz dieser Technik: eine Serie unterschiedlich lang belichteter Bilder wird zu einem HDRI kombiniert. Das so entstandene 32 Bit Bild enthält alle Helligkeitswerte der abgebildeten Szene, hat also einen besonders hohen Dynamikumfang. Dieser lässt sich verwenden, um computergenerierte 3D Szenen möglichst realistisch zu beleuchten.

Die folgenden zwei Bilder sind Renderbeispiele aus meiner Diplomarbeit. Ich habe eine einfache 3D Szene zwei mal mit dem gleichen Bild ‘beleuchtet’ (diese Technik nennt sich Image Based Lighting). Einmal habe ich das Bild dabei als 32 Bit HDRI verwendet, und einmal als normales 16 Bit Bild.

Image Based Lighting mit einem 32 bit HDRI

Image Based Lighting mit einem 32 bit HDRI

Image Based Lighting mit einem 16 bit Bild

Image Based Lighting mit einem 16 bit Bild

Man sieht sehr schön, dass bei der HDRI beleuchteten Szene noch richtiges Weiß vorhanden ist, und zwar auch dort, wo die virtuellen Lichtstrahlen gebrochen und reflektiert werden. Das verwendete HDRI ist auf diesen Bildern nur ansatzweise in der Umgebung und den Spiegelungen zu sehen – es war nur Mittel zum Zweck, um eine möglichst realistische Beleuchtung zu erhalten.

Tonemapping
Was man heute gemeinhin als HDRI bezeichnet sind streng genommen Bilder, bei denen das HDRI selbst nur ein Zwischenschritt war. Anschließend wird das Bild von 32 Bit in 16 oder 8 Bit umgewandelt, wobei man entscheiden kann, welche Bildinformationen im Endergebnis dargestellt werden sollen. Diesen Vorgang nennt man Tonemapping.
In meiner Arbeit von 2003 habe ich das Tonemapping auf einer einzigen Seite abgehandelt. Damals gab es kaum Software, mit der man so ein Tonemapping durchführen konnte, bzw. waren die Ergebnisse allerhöchstens interessant, aber nicht wirklich schön.

Das Interesse am Tonemapping wurde bei mir wieder geweckt, als man mit Photoshop CS2 (April 2005) zum ersten Mal auch solche 32 Bit Bilder erstellen und weiter umwandeln konnte. Es war zwar schwierig, richtig gute Ergebnisse zu erzielen, aber mit ein wenig Übung klappte es halbwegs. Außerdem kamen nach und nach andere Programme und Photoshop-Plugins auf den Markt, die das Tonemapping immer interessanter und vor allem auch populärer machten.

Ich verstehe jeden, der die Augen verdreht bei den Ergebnissen, die eine Google oder flickr Bildersuche nach dem Stichwort HDRI auswirft. Da gehöre ich selber dazu.

Bei diesem Bild habe ich es - zu Demonstrationszwecken - extrem übertrieben. Trotzdem findet man genau solche Fotos im Internet zuhauf. Vielleicht wird auch dieses Ergebnis hier jemandem gefallen - mir allerdings nicht... :)

Bei diesem Bild habe ich es - zu Demonstrationszwecken - extrem übertrieben. Trotzdem findet man genau solche Fotos im Internet zuhauf. Vielleicht wird auch dieses Ergebnis hier jemandem gefallen - mir allerdings nicht... :)

Ich mag diesen übertriebenen HDR-Look nicht. Grelle Farben, der *geringe* Kontrast (wenn nämlich weder richtiges schwarz, noch richtiges weiß im Bild zu finden ist), häufig noch gekrönt von einem Halo (Lichtsaum). Das ist absolut nicht meins, aber na ja – vielen Leuten scheint genau das zu gefallen, und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

Ärgerlich ist aber, dass ebendiese übertriebenen Ergebnisse das Internet überschwemmen, und wem dieser HDR-Look (verständlicherweise) nicht gefällt, der wird sich schnell auf die Seite der HDR-Gegner schlagen, ohne sich weiter damit auseinanderzusetzen.

Das finde ich extrem schade, denn die HDR-Technik erweitert tatsächlich die Möglichkeiten, die sich einem ambitionierten Fotografen bieten. Viele Lichtsituationen lassen sich mit einem einzigen Foto nicht optimal abbilden. Da hilft es, eine Belichtungsserie zu machen, und den Schritt über ein HDRI mit anschließendem Tonemapping zu gehen.
Ein richtig gutes Ergebnis ist es in meinen Augen dann, wenn man dem Bild nicht ansieht, dass es mal ein HDRI war. Es erzeugt den Anschein, dass es wirklich so gewesen hätte sein können.

So ein Ergebnis gefällt mir. Das Bild wirkt nicht unrealistisch, die Farben passen, es gibt sowohl schwarz als auch weiß. Trotzdem hätte man es mit einer einzigen Aufnahme so nicht hinbekommen.

So ein Ergebnis gefällt mir. Das Bild wirkt nicht unrealistisch, die Farben passen, es gibt sowohl schwarz als auch weiß. Trotzdem hätte man es mit einer einzigen Aufnahme so nicht hinbekommen.

Mit einer Tonwertkorrektur oder dem Tiefen/Lichter Befehl in Photoshop können auch ganz grausame Resultate erzielt werden. Deswegen verteufelt man aber nicht gleich die Technik an sich. Genau dasselbe würde ich mit für die HDR Technik wünschen.

Von mir aus kann es auch in Zukunft zwei Lager geben: die einen, die den HDR-Look als Kunstform sehen und ihn bis zum Exzess anwenden und ausreizen, und die anderen, die den HDR-Workflow subtil einsetzen, um extreme Lichtsituationen harmonisch und realistisch abzubilden.
Das wäre meine persönliche Win-Win Situation.

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Barbara - Autor von 79 Einträgen in diesem bL&Log.


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9 Antworten zu “HDRI: Eine Hassliebe”

  1. Hicore Says:

    Sehr schöner Artikel über die HDR-Fotografie. Danke dafür.

    Heiko vom http://hdr-blog.de

  2. Olaf Bathke Says:

    Hallo Barbara, du sprichst mir aus der Seele. Ich kann HDR durchaus etwas abgewöhnen, obwohl ich noch kein kommerzielles Foto in HDR erstellt habe, sondern da eher mit rumspiele. Es ist eine Frage der persönlichen Vision und was der Markt hergibt, wenn es um Verbreitung dieser Technik geht. Selbst GEO, NG und Co werden mittlerweile mit HDR gefüllt, wo es vor ca. 7 Jahren noch ein Skandal war, digital bearbeitete Fotos überhaupt abzulichten.
    In meinem Blog gibt es zurzeit übrigends eine sehr umfassende Artikelserie zum Thema HDR- Fotografie: http://www.olafbathke.de/fotograf-kiel-blog/category/hdr-fotografie/
    Nächste Woche geht es da weiter.
    LG Olaf

  3. TAOG Says:

    ich bin auch lieber ein anwender von HDR, um extreme lichtsituationen abzulichten.
    das übertriebene, wie von dir geschrieben, zu findene HDR ergebniss, gefällt mir auch in keinster weise.

    gruß

  4. Ricarda Says:

    Dank diesem Artikel weiß ich jetzt, dass hdr auch gut eingesetzt werden kann. Die meisten hdr fotos die man findet, sind ein versuch, schnappschüsse die eher mäßig gelungen sind, mit diesem “effekt” “aufzupeppen”. da findet man dann den hund oder die oma mit haloeffekten in hdr und ich bekomm ne gänsehaut. *brrr*

  5. Ulli Says:

    Ich muss sagen, ich wende Pseudo HDRs gerne bei Baumbildern an. Ist echt klasse, was die teilweise an Dynamik noch aus dem Bild rausholen. So ein richtiges HDR habe ich noch nie gemacht, versucht schon, aber irgendwie noch nicht das richtige STILLSTEHENDE Motiv gefunden ;-)
    Klasse Blog übrigens!

  6. LostCougar Says:

    hmmm … ich bin da geteilter Meinung.

    Ich muß sagen, das obere Bild mit dem “ünertriebenen” HDRI gefällt mir jetzt persöhnlich auch nicht. Allerdings stößt man auch zeitweise bis häufiger in den Communities auf Bilder, die schon mit diesem “Look” sehr klasse aussehen. Allerdings ist es dann auch so, dass das Motiv dazu paßt. Jeden Hund oder jede Oma, da stimme ich Ricarda Recht, mit so etwas aufzupeppen finde ich auch eher nervig als gut. Da überschwemmt einen wirklich die Flut an Bilder.

    Aber ich kann auch sagen, um nochmal auf die geteilte Meinung zu kommen, dass mir das zweite Bild sehr gut gefällt. Also ich muß sagen, dass es bei mir wirklich rein vom Motiv abhängt, ob es ein bisschen übertrieben sein “darf” oder ob es eher der eigentliche Dynamikumfang sein soll der gefällt.
    In diesem Fall also, das erste Bild, nicht mein Fall. Das zweite erhält ein klares “ja” ;)

    p.s. Toller Blog! ;)

  7. Jens Says:

    Ich kann Dir nur beipflichten:
    “Ein richtig gutes Ergebnis ist es in meinen Augen dann, wenn man dem Bild nicht ansieht, dass es mal ein HDRI war. Es erzeugt den Anschein, dass es wirklich so gewesen hätte sein können.”

    Es ist zuerst einmal ein Problem der Begrifflichkeit. Viele kennen den Einsatz von HDRI als Mittel in der 3D-Technik nicht (mich eingeschlossen – bis zur Lektüre des “HDRI-Handbuch”).
    Die meisten Bilder sind Ergebnisse eines Tonemappings mit übertriebenen Einsatz der Regler in Programmen wie Photomatix. Dieser “Effekt” hat mich persönlich ca. 2 Tage beeindruckt – danach habe ich mich daran übersehen. Leider viel zu oft wird dieser Effekt genommen um von einer “schwachen” Bildkomposition abzulenken.
    HDR zum abbilden von schwierigen Lichtsituationen ist eine tolle Möglichkeit, wenn auch nicht immer ideal. Ein gekonntes Zusammenspiel von Tonemapping und Überblendungen von verschiedenen Belichtungsreihen bringt (nach meiner Auffassung) ein “natürliches” Ergebnis, so wie es der Betrachter/Fotograf bei der Aufnahme “empfunden” hat. Dies wird in einigen Foren als Truetone HDR bezeichnet.

    Vielen Dank für den tollen Beitrag. Wird es von Dir noch ein Video-Training über HDR/Tonemapping geben?

    LG

    Jens

  8. Alexa Says:

    hi barbara,
    ich würde gerne einmal deine Diplomarbeit lesen, wenn dies möglich ist =)


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    This post was mentioned on Twitter by blue_f: Frisch gebloggt: “HDRI: Eine Hassliebe” http://tinyurl.com/hassliebe (wo es am Valentinstag doch um Liebe geht :P)…

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